Das Hieronymitenkloster

Wohl kaum ein Stadtteil der portugiesischen Hauptstadt hat auf so engem Raum so viel Sehenswertes zu bieten, wie das am Ufer des Rio Tejos gelegene Belém, das im Gegensatz zur Innenstadt Lissabons weitgehend vom verheerenden Erdbeben 1755 verschont blieb und erst im Jahr 1855 eingemeindet wurde.

Tatsächlich gibt es in Belém, zu deutsch Bethlehem, derart viel zu sehen, dass es eigentlich unmöglich ist, den Vorort an nur einem Tag zu erkunden. Da sind der Turm von Belém und das Denkmal der Entdecker am Flussufer, das Marinemuseum und das Elektrizitätsmuseum, das neuzeitliche Kulturzentrum CCB, der Nationalpalast und Sitz des portugiesischen Staatspräsidenten, die Konditorei der weltberühmten Pastéis de Belém, oder auch das Estádio do Restelo, eines der am schönsten gelegenen Fußballstadien des alten Kontinents.

Heute ist es aber endlich an der Zeit, dem Hieronymitenkloster einen Besuch abzustatten, das mit seinen 300 Metern Länge die Szenerie in Belém so unübersehbar dominiert.

Auf Geheiß von König Dom Manuel I begannen am 6. Januar 1502 die Arbeiten am Klostergebäude, die sich fast einhundert Jahre lang bis 1601 hinziehen sollten. Mit seiner Mischung aus Spätgotik, Renaissance und Manuelinik ist das Mosteiro dos Jerónimos architektonisch einzigartig. Zentraler Punkt ist die Kirche Santa Maria, an die westlich das Dormitorium und nördlich der Kreuzgang, das Refektorium und der Kapitelsaal angrenzen.

Nach seiner Fertigstellung wurde das Kloster der Ordensgemeinschaft der Hieronymiten übergeben, die vor allem auf der iberischen Halbinsel weit verbreitet war. Seit der Säkularisierung 1834 und dem damit einhergehenden Verbot aller Mönchsorden in Portugal befindet sich das Kloster im Staatsbesitz.

Die Mittel zur Finanzierung des Prachtbaus stammten übrigens aus dem Orienthandel, der der Seemacht Portugal schon seinerzeit reiche Gewinne bescherte. Der zum Bau verwendete weiße Kalkstein wurde aus Steinbrüchen in der Nähe Beléms gewonnen. Ein besonderes Prunkstück des Klosters ist das Südportal, an dessen linker Seite unter anderem eine Statue des Bauherren D. Manuel I zu sehen ist. Durch dieses überreich verzierte Portal gelangt man sowohl in die Kirche als auch ins Kloster.

Weltkulturerbe hinter Klostermauern


Die Kirche Santa Maria selbst ist 90 Meter lang, 27 Meter breit und 25 Meter hoch. Trotz dieser enormen Ausmaße wirkt sie durch ihr Netzgewölbe und die verspielten Säulen fast filigran. Gleich am Eingang befinden sich die Grabmäler von Entdecker Vasco da Gama und Luís de Camões. Zumindest der Sarkopharg des Nationaldichters hat aber lediglich symbolischen Charakter, da Camões am 10. Juni 1580 von der Pest dahingerafft und in einem Armengrab bestattet wurde.

Zwar besitzt das Mosteiro dos Jerónimos nicht den Status eines nationalen Pantheons, trotzdem sind hier zahlreiche bedeutende Figuren der portugiesischen Geschichte beigesetzt, darunter 31 Mitglieder der portugiesischen Königsfamilie sowie im Kreuzgang der Schriftsteller Fernando Pessoa, dem man in Lissabon auf Schritt und Tritt begegnet.

Seit 1983 zählt das Hieronymitenkloster zum Weltkulturerbe der UNESCO, am 13. Dezember 2007 unterzeichneten die Regierungschefs der Europäischen Union dort den Vertrag von Lissabon. Im Jahr 2013 begrüßte das Kloster 722.000 Besucher und zählt damit zu den beliebtesten Attraktionen der Stadt.

Während der Besuch der Kirche Santa Maria frei ist, kostet der Eintritt zu den übrigen Klosterräumlichkeiten 10 Euro. Darüber, ob sich diese Ausgabe lohnt, entscheidet neben dem Interesse an sakraler Kunst sicher auch das Zeitbudget, denn die Klosteranlage ist sehr weitläufig.

Mosteiro dos Jerónimos
Praça do Império
Dienstag-Sonntag 10-17.30 Uhr (Oktober-Mai) bzw. 10-18.30 Uhr (Mai-September)
Eintritt 10 Euro

Stand: März 2015












Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen