Adamastors Aussichtspunkt


Adamastor war kein wirklich freundlicher Zeitgenosse. Die Gestalt aus der griechischen Mythologie wurde im Epos Die Lusiaden von Luís de Camões als Symbol für all die Erschwernisse besungen, denen sich die portugiesischen Seefahrer während ihrer Entdeckungsreisen bei der Umsegelung des Kaps der Sturmesqualen ausgesetzt sahen, das heute etwas optimistischer Kap der guten Hoffnung heißt.

Und sieh da droben, kaum dass ich geschlossen,
Ein Menschenbildnis - riesenhaft gereckt,
Gewaltig breit und ungeschlacht gesprossen,
Das Antlitz greulich und den Bart verdreckt,
Mit hohlen Augen - zornig aufgeschossen:
Erdfahler Hauch, der ihm die Haut bedeckt
Und Erde im Gewirr der krausen Mähnen;
Schwarzangelaufenen Munds mit gelben Zähnen.
                                         (V. Gesang, Strophe 39)

Trotz seines etwas schwierigen Charakters errichtete Lissabon dem Adamastor eine von Júlio Vaz Júnior geschaffene Steinstatue, so dass der wilde Geselle nun schon seit 1927 die herrliche Aussicht vom Miradouro de Santa Catarina geniessen kann. Dort serviert eine kleine Bar Getränke und Snacks, damit der geneigte Besucher gemeinsam mit Adamastor auf den Tejo, die Ponte 25 de Abril und die Christusstatue am Südufer blicken kann.

Der Miradouro de Santa Catarina ist übrigens ein zentraler Schauplatz im Roman Das Todesjahr des Ricardo Reis des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago. Mehrmals trifft sich hier der große Fernando Pessoa mit seinem Heteronym Ricardo Reis, um in Betrachtungen über die Einsamkeit und den Tod zu versinken. Aber auch ganz ohne finstere Gedanken lädt der Aussichtspunkt zum Schauen und Verweilen ein.

Stand: Mai 2016



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