Das Jahrhundertfeuer

Der 25. August 1988 war ein warmer Sommertag in Lissabon. Mit meiner Kamera bewaffnet hatte ich mich aufgemacht, an meinem fünften Ferientag in Portugal die portugiesische Hauptstadt weiter zu erkunden.

Schon vor der Einfahrt in den Bahnhof Cais do Sodré war die dunkle Rauchwolke zu sehen, die bedrohlich über dem Hügel des historischen Einkaufsviertels Chiado hing. Über die Rua do Alecrim ging ich hinauf zur Praça Luís de Camões, auf der sich die Schaulustigen drängten.

Unfreiwillig wurde ich so Augenzeuge der größte Katastrophe, die Lissabon seit dem Erdbeben von 1755 erleben musste. Eine Katastrophe, die den Charakter der Stadt unwiederbringlich verändern sollte. Insgesamt 18 geschichtsträchtige Gebäude wurden an diesem Tag ein Opfer der Flammen, darunter historische Kleinode wie das Eckhaus von Eduardo Martins an der Rua do Garrett, in dem seit 1889 Bettwäsche, Baumwollstoffe, Spitzen und Stickereien verkauft wurden.

Bis heute ist ungeklärt, wann genau der Brand im traditionsreichen Kaufhaus Armazéns Grandella ausbrach. Es wird vermutet, dass irgendwann zwischen ein und vier Uhr morgens ein Kurzschluß die Tragödie verursachte. Als die Feuerwehr um 5.20 Uhr alarmiert wurde, drang bereits eine Rauchwolke aus einem Fenster des Kaufhauses, das 1891 von Francisco de Almeida Grandella nach dem Vorbild der großen Konsumtempel in London oder Paris in der Rua do Carmo eröffnet wurde. Das Gebäude mit seinen alten Holzböden und der antiquierten Infrastruktur wurden ebenso zu einer leichten Beute der Flammen wie das benachbarte Kaufhaus Grandes Armazéns do Chiado.

Als ich gegen 10 Uhr morgens in Lissabon ankam, hatten die insgesamt 1.680 Feuerwehrleute, die an diesem schwarzen Tag in der Geschichte Lissabons im Einsatz waren, die Flammen bereits unter Kontrolle gebracht. 60 von ihnen wurden verletzt, einer bezahlte den Einsatz gar mit seinem Leben.

Erschwert wurden die Löscharbeiten immer wieder durch explodierende Gasflaschen sowie durch den Umstand, dass die Fußgängerzone der Rua Garrett erst kurz zuvor im Rahmen von Verschönerungsmaßnahmen verengt wurde und dadurch für Feuerwehrautos nicht mehr passierbar war. Gebäude mit einer Grundfläche von 7.500 Quadratmetern gingen an diesem 25. August in Flammen auf, mehr als 2.000 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz, 300 Anwohner hatten über Nacht kein Zuhause mehr.

Der Wiederaufbau unter der Leitung des portugiesischen Stararchitekten Álvaro Siza Vieira wurde erst gut zwanzig Jahre nach der Katastrophe abgeschlossen. Bei der Restaurierung wurden die historischen Fassaden weitestgehend wiederhergestellt. Doch im Inneren der Gebäude erinnert nichts mehr an vergangene Zeiten. Die ehemaligen Kaufhäuser Grandella und Armazéns do Chiado beherbergen jetzt Einkaufszentren, und auch für die vielen kleinen Fachgeschäfte waren die Mieten in den modernisierten Gebäuden weitgehend unbezahlbar.

So bestimmen heute in erster Linie die gleichen internationalen Handelsketten das Gesicht des Chiados, wie sie auch in den drei riesigen Einkaufszentren Lissabons anzutreffen sind, die inzwischen weitaus größere Besucherströme anziehen als das Chiadoviertel.







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