Mit dem Auto durch Lissabon?

Sollten Sie darüber nachdenken, für die Dauer ihres Aufenthalts in Lissabon ein Auto zu mieten, aber keine ausgeprägten masochistischen Neigungen in sich verspüren, dann vergessen Sie diese Idee einfach wieder. Und zwar jetzt und auf der Stelle. Nutzen Sie öffentliche Verkehrsmittel oder nehmen Sie ein Taxi, aber überlassen Sie das Autofahren den Lisboetas, die eine intensive Hassliebe mit dieser Art der Fortbewegung verbindet.

Zwar klagt der Bewohner der portugiesischen Metropole permanent über die chaotischen Verkehrsverhältnisse in seiner Stadt, würde aber selbst unter Androhung roher Gewalt kaum auf eine Fahrt mit dem eigenen Wagen verzichten, und sei sie auch noch so kurz.

Der an sich so glückliche Umstand, das Lissabon von sämtlichen Kriegen der Neuzeit verschont blieb, erweist sich als infrastrukturelles Desaster, sobald es um den Autoverkehr geht. Denn viele Straßen der Hauptstadt wurden bestenfalls für Pferdekutschen erdacht. Autos oder Lastwagen, Busse oder Straßenbahnen lagen seinerzeit noch fern jeder Vorstellungskraft.

So quält sich der Lissabonner tagtäglich hupend und schimpfend durch seine malerische Heimat, denn der an sich so friedliche Bewohner mutiert zu einer rasenden Bestie, sobald er sich hinter ein Lenkrad setzt. Auch nach fast 30 Jahren staune ich noch immer über die darwinistische Verwandlung, die ansonsten liebenswerte Menschen dann vollziehen.

Das Recht des Stärkeren


Auf Lissabons Straßen herrscht das Recht des Stärkeren. Erwarten Sie niemals, dass ein anderer Verkehrsteilnehmer Sie einfach in einen Kreisel fahren lässt, selbst wenn dort bereits Stau herrscht. Es wird nicht geschehen. Entweder Sie drängen sich selbst rücksichtslos in den Kreisverkehr und zwingen ihren Gegner zu bremsen, oder die Automobilisten hinter ihnen beginnen nach wenigen Augenblicken empört zu hupen und belegen Sie mit Schimpfworten, die Sie auch dann als solche identifizieren können, wenn Sie der portugiesischen Sprache nicht mächtig sind.

Noch dazu scheinen die städtischen Verkehrsplaner gelegentlich ein geradezu sadistisches Vergnügen daran zu haben, die an sich schon komplizierte Situation immer noch ein klein wenig zu verschlimmern. So wurde 2012 die Rotunde am Marques de Pombal in einen inneren und einen äußeren Kreisel aufgeteilt, was seither immer wieder zu filmreifen Übertretungen der Verkehrsordnung führt.

Falls Sie eine Fahrt durch die Stadt aller Fährnisse zum Trotz unbeschadet überstanden haben, erwartet Sie bei der Ankunft am Zielort eine letzte Herausforderung. Denn schließlich wollen Sie ihren Wagen ja auch noch parken. Nur wo? Es liegt auf der Hand, dass der Parkraum in den historischen Bezirken ein kostbares Gut ist, aber auch in neueren Stadtteilen wie Alvalade oder Campo de Ourique gibt es schlichtweg zu viele Autos.

Machen Sie es also wie die Einheimischen, und stellen Sie ihr Gefährt zur Not auch mal in zweiter Reihe in einem Kreuzungsbereich ab. Sollte anschließend ein Lieferwagen nicht mehr über die zu enge gewordene Kreuzung kommen und deshalb bedauerlicherweise ein kleiner Stau entstehen, kennen Sie das ja schon zur Genüge von ihrer Fahrtstrecke. Es geht Sie jetzt, da Sie gesund am Ziel sind, eigentlich auch nichts mehr an.

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